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Forschungsdaten in der Psychologie: Disziplinspezifische und disziplinübergreifende Bedürfnisse


Leitung: PD Dr. Erich Weichselgartner, Universität Trier, Leibniz-Zentrum für Psychologische Information und Dokumentation (ZPID)

Erkenntnisgewinn in der Psychologie als empirischer Wissenschaft ist unmittelbar an die Produktion und Verarbeitung von Daten gebunden, welche das Erleben und Verhalten von Menschen abbilden. Im Gegensatz zu den Forschungsergebnissen erhalten die Forschungsdaten bislang keine wissenschaftliche Aufmerksamkeit und Anerkennung und sind häufig schwer verfügbar. Die umfassende Dokumentation, Aufbereitung und Vorhaltung von Daten für die Nachnutzung ist in der Psychologie noch nicht selbstverständlicher Bestandteil des Forschungsprozesses. Allerdings weisen die Entwicklungen in den letzten Jahren auf ein Umdenken in der Fachkultur hin. So steht mit PsychData eine Infrastruktur zur Verfügung, die speziell auf die Bedürfnisse der Psychologie abgestimmt ist. Primärforscher erhalten die Möglichkeit, ihre quantitativen Daten in einer standarisierten, den Besonderheiten der psychologischen Forschung angepassten Form archivieren und bereitstellen zu lassen; andererseits werden Sekundärforscher auf ihrer Suche nach Datengrundlagen fündig. Der Großteil der Nutzungsanfragen stammt zwar aus dem psychologischen Forschungsfeld, allerdings kommen auch Anfragen aus der Medienforschung, den Wirtschaftwissenschaften oder der Informatik. Neuerdings stellen interdisziplinäre Panelbefragungen wie pairfam oder NEPS ihre Forschungsdaten von Beginn an als Scientific-Use-Files zur Verfügung. Diese Studien bieten auch Analysepotential für psychologische Fragestellungen. Generell ist die Beteiligung der Psychologie an solch großangelegten Studien noch deutlich ausbaufähig.


Vorträge:


  • Forschungsdatenmanagement in der Psychologie: Rahmenbedingungen, Ansätze, Perspektiven
    Prof. Dr. Armin Günther, ZPID-PsychData
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  • Möglichkeiten der Sekundärnutzung von Datensätzen
    PD Dr. Beatrice Rammstedt, GESIS, Nationale Projektmanagerin PIAAC
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  • Datennachnutzung in der Psychologie: Bielefelder Zwillingsdaten
    Prof. Dr. Rainer Riemann, Universität Bielefeld
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  • Wann und warum sind große Panelbefragungen in der Psychologie unentbehrlich?
    Dipl.-Psych. Jule Specht, Wilhelms-Universität Münster
  • Das pairfam-Projekt als Chance für die psychologische Beziehungs- und Familienforschung
    Prof. Dr. Sabine Walper, Ludwig-Maximilians-Universität München
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Abstracts der Vorträge:

(Stand 2.12.2010)


Forschungsdatenmanagement in der Psychologie: Rahmenbedingungen, Ansätze, Perspektiven

Prof. Dr. Armin Günther, ZPID-PsychData


Digitalisierung und Vernetzung haben in den letzten zwei Jahrzehnten völlig neue technische Möglichkeiten geschaffen, Daten nicht nur zu generieren, zu verarbeiten und zu speichern, sondern auch Daten weiterzugeben und in unterschiedlichen Kontexten zu nutzen. Dies gilt grundsätzlich auch für Forschungsdaten. In vielen wissenschaftlichen Disziplinen entwickeln sich daher neue Praktiken des Datenmanagements, die unter anderem darauf ausgerichtet sind, der scientific community Forschungsdaten zugänglich und nutzbar zu machen (data sharing). Die Psychologie steht hierbei allerdings noch weitgehend am Anfang.

Der Vortrag geht der Frage nach, welche allgemeinen und psychologiespezifischen Rahmenbedingungen die Entwicklung entsprechender Praktiken und Strukturen in der Psychologie prägen und mitunter erschweren, zeigt - unter anderem am Beispiel des Forschungsdatenzentrums PsychData - welche Ansätze psychologische Forschungsdaten zugänglich zu machen es dennoch bereits gibt und versucht einen Ausblick auf mögliche Entwicklungsperspektiven des Forschungsdatenmanagements in der Psychologie.



Möglichkeiten der Sekundärnutzung von Datensätzen

PD Dr. Beatrice Rammstedt, GESIS , Nationale Projektmanagerin PIAAC


In den empirischen Sozialwissenschaften hat die Archivierung und zur Verfügungstellung von Primärdatensätzen eine lange Tradition. So wird von den meisten large-scale Surveys erwartet, dass diese umfassend archiviert und dokumentiert werden. Die Nutzung dieser Datensätze erfolgt in erster Linie durch Sekundärnutzer; die Primärforscher sind zumeist in erster Linie die Datenprovider.

Dieser Trend zur Veröffentlichung der eigenen Datensätze erreicht inzwischen auch kleinere Datensätze, die primär von dem Provider/Forscher genutzt wurden, anschließend aber im Archiv der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden. Somit wirkt sich der Trend auch auf benachbarte Disziplinen, wie z.B. die Psychologie aus, die in der Regel eher kleinere Datensätze produzieren und analysieren.

Der Vortrag wird die Vorteile einer solchen Datenveröffentlichung sowohl aus der Sicht des Datenproviders wie auch aus der des Datennutzers darstellen und auf die begleitende Frage der Forschungsethik eingehen.



Datennachnutzung in der Psychologie: Bielefelder Zwillingsdaten

Prof. Dr. Rainer Riemann, Universität Bielefeld


Die Datennachnutzung psychologischer Daten bereitet interessierten Wissenschaftler/inne/n große Schwierigkeiten, wenn der herangezogene Datensatz sehr komplex ist. In diesem Beitrag sollen zunächst am Beispiel der Bielefelder Zwillingsdaten einige Gründe für die Komplexität psychologischer Datensätze herausgestellt werden, um zu verdeutlichen, vor welchen Schwierigkeiten Psycholog/inn/en stehen, wenn sie derartige Datensätze nachnutzen wollen.

Im zweiten Teil des Vortrages wird dann skizziert, welche Anforderungen an Datenverwaltungswerkzeuge zu stellen sind, die die Nutzung, Qualitätssicherung und Nachnutzung psychologischer Daten gleichermaßen unterstützen könnten. Stichworte sind hier: (a) Speicherung von Daten und Datenaufbereitungsprozeduren, (b) hierarchischer Zugriff auf Daten, der die Datenstruktur entsprechend den Anforderungen von Wissenschaftler/inne/n abbildet und (c) definierte Vorgehensweisen, die Ergebnisse von Analysen (auch von Nachnutzern) in den Datensatz einzupflegen. Insgesamt muss es das Ziel der Entwicklung von Werkzeugen sein, den/die Nutzer/in von aufwändigen Programmieraufgaben zu entlasten und Daten in der gewünschten Struktur, in wählbaren Formaten automatisch zur Verfügung zu stellen.



Wann und warum sind große Panelbefragungen in der Psychologie unentbehrlich?

Dipl.-Psych. Jule Specht, Wilhelms-Universität Münster


Interdisziplinäre Panelbefragungen bieten zahlreiche Möglichkeiten für die psychologische Forschung und die Anerkennung ihrer Bedeutung innerhalb der Psychologie nimmt derzeit stetig zu. Vorteile großer Längsschnittdaten sollen nun an zwei Studien, welche die Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) nutzen, exemplarisch aufgezeigt werden.

Studie 1 beschäftigt sich mit dem Verlauf der allgemeinen Lebenszufriedenheit von 414 Personen, deren Partner starb. Die detaillierte Modellierung dieses Verlaufs erlaubte eine Analyse der Unterschiede im Anpassungsverhalten der Verwitweten. Dabei zeigte sich, dass Menschen, die an das Schicksal oder den Zufall glaubten, mit dem Tod des Partners bedeutend besser umgehen konnten als Menschen, die nicht daran glaubten.

In Studie 2 untersuchten wir die Entwicklung der Persönlichkeit. Obwohl die Persönlichkeit als weitgehend stabil gilt, unterliegt sie bisweilen gravierenden Veränderungen. Die Art und potentielle Ursachen dieser Veränderungen konnten anhand von Informationen von ca. 15.000 Personen, die über einen Zeitraum von fünf Jahren wiederholt befragt wurden, untersucht werden.

Aufgrund der Größe der Stichprobe, der Heterogenität der befragten Personen und der Längsschnittlichkeit konnten in diesen Studien Fragestellungen untersucht werden, die sonst nicht analysierbar gewesen wären. Neben der Betrachtung dieser Vorteile sollen aber auch Herausforderungen und (derzeitige) Grenzen bei der die Nutzung solcher Daten in der Psychologie aufgezeigt werden.



Das pairfam-Projekt als Chance für die psychologische Beziehungs- und Familienforschung

Prof. Dr. Sabine Walper, Ludwig-Maximilians-Universität München


Seit Ende 2008/Anfang 2009 finden im Rahmen des DFG-finanzierten pairfam-Projekts jährliche Längsschnitterhebungen statt, deren Daten reichhaltige Analysemöglichkeiten zu engen Beziehungen im Jugend-, frühen und mittleren Erwachsenenalter bieten. Inhaltliche Schwerpunkte des interdisziplinär entwickelten Befragungsprogramms sind (1) Partner-schaftsbeziehungen, (2) Kinderwunsch und Familienplanung, (3) Intergenerationen-beziehungen zur Herkunftsfamilie und (4) Erziehung der Kinder und deren Entwicklung. Teilnehmer dieser längsschnittlich angelegten Befragung waren zu T1 jeweils rund 4.000 Befragte der drei Geburtskohorten 1991-1993, 1981-1983 und 1971-1973 (Alter zu T1: 15-17, 25-27 und 35-37 Jahre, gesamt N = 12.402) sowie ggf. deren Partner (Teilnahmequote 50%; n = 3.729). Ab der zweiten Erhebungswelle (2009/2010) wurden auch die Eltern der Ankerperson sowie ein Kind im Haushalt (im Alter von 8 bis 15 Jahren) befragt.

Ziel dieses Beitrags ist es, das Beziehungs- und Familienpanel pairfam vorzustellen und die Nutzungsmöglichkeiten exemplarisch anhand von Fragestellungen der Partnerschaftsforschung zu illustrieren. Obwohl aus Gründen der Erhebungsökonomie durchgängig auf sehr kurze Skalen zurück gegriffen werden musste, lassen sich beispielsweise attributions- und bindungstheoretisch fundierte Hypothesen zu Einflüssen auf die Partnerschaftsqualität bestätigen. Darüber hinaus wird ein Ausblick auf das Erhebungsprogramm der nächsten Wellen gegeben (T3 bis T4), die weiterhin im Jahresabstand durchgeführt werden. Die Zugangsmodalitäten zu den Daten wird geklärt.