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Geodaten, Georeferenzierung und Datenschutz


Leitung: Johann Hahlen, Staatssekretär a. D.

Geodaten, seit Monaten in der Öffentlichkeit vielfach und kontrovers diskutiert, aber paradoxer Weise eine terra incognita, auf der wir uns - sei es als Nutzer oder Produzenten - heftig tummeln, ohne über allseits zuverlässige Kompanten, Landkarten und Baupläne zu verfügen. Die Zeit der Pioniere und Entdecker ist aber längst vorbei. Deshalb versucht das Forum in Zusammenarbeit mit der vom RatSWD neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft "Georeferenzierung von Daten" eine Standortbestimmung.


Vorträge:


  • Überblick zum verfügbaren Geodaten-Angebot in Deutschland aus Sicht des öffentlichen Bereichs
    Prof. Dr. Dietmar Grünreich, Präsident des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie, Frankfurt
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  • Was leisten heute GIS, WebGIS und Geoportale?
    Prof. Dr. Gerd Buziek, Viezepräsident des Deutschen Dachverbandes für Geoinformation (DDGI Wuppertal) und ESRI Deutschland, Kranzberg
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  • Statistische Daten im Geomarketing
    Michael Herter, Geschäftsführer der infas GEOdaten, Bonn
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  • Risikotransparenz in der Versicherungswirtschaft - Welche Rolle spielen Geodaten heute?
    Andreas Siebert, Leiter Geospatial Solutions, Munich Re
    RatSWD Working Paper Nr. 185    Download Präsentation
  • Georeferenzierte Kontextdaten aus Sicht der Sozial-, Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften
    Prof. Dr. Gert G. Wagner, DIW und Vorsitzender des RatSWD, Berlin
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Abstracts der Vorträge:


Überblick zum verfügbaren Geodaten-Angebot in Deutschland aus Sicht des öffentlichen Bereichs

Prof. Dr. Dietmar Grünreich, Präsident des Bundesamtes für Kartographie und Geodäsie, Frankfurt


Der Vortrag gibt zunächst einen Überblick über Entwicklung und Organisation der Geodateninfrastruktur für Deutschland (GDI-DE). Insbesondere wird ihre Kernkomponente, die "Nationale Geodatenbasis" (NGDB), erläutert, die den künftigen nationalen und europäischen Bedarf an Geodaten (INSPIRE-Richtlinie) aus Sicht des öffentlichen Bereichs decken wird. Am Beispiel des Geodatenzentrums des BKG, das bereits seit mehreren Jahren im Zusammenwirken mit den Landesvermessungsbehörden die sog. topographischen Geobasisdaten für Deutschland bereitstellt, werden die Begriffe Verfügbarkeit von und Zugang zu Geodaten erläutert. Weiterhin werden beispielhafte Ansätze für die Nutzung solcher Geobasisdaten für die Georeferenzierung von Fachdaten mit Raumbezug beschrieben. Abschließend werden Schlussfolgerungen für die Gestaltung des künftigen Zugangs auf Geodaten, speziell auf Geobasisdaten, des öffentlichen Bereichs gezogen.



Was leisten heute GIS, WebGIS und Geoportale?

Prof. Dr. Gerd Buziek, Viezepräsident des Deutschen Dachverbandes für Geoinformation (DDGI Wuppertal) und ESRI Deutschland, Kranzberg


Nahezu jede konkrete Information kann räumlich verortet werden. Zu diesem Zweck sind seit mehr als 4 Jahrzehnten Geoinformationssysteme (GIS) entwickelt worden, die für die Verarbeitung, Speicherung, Analyse und Visualisierung von Geodaten eingesetzt werden.

Waren zunächst gedruckte Karten das Ergebnis der Geodatenverarbeitung oder auch individuelle Analysen, so sind mit der zunehmenden Verfügbarkeit des Internets Geoportale das Frontend zum Benutzer geworden. Während Geoportale üblicherweise mit einer begrenzten Funktionalität für das grundsätzliche Handling von Bildschirmkarten ausgestattet sind, bieten WebGIS einen umfangreichen Funktionsvorrat an, so dass diverse geoverarbeitende Prozesse über Webclienten gesteuert werden können. Dies führt u. a. zu mehr Wirtschaftlichkeit.

Geoinformationen gewinnen nicht nur an Bedeutung für Fachanwender in Verwaltung und Wirtschaft, sondern auch für die Öffentlichkeit. Begünstigt wird dies durch die zunehmende Verfügbarkeit von Geodatendiensten, von raumbezogenen Daten und die einfache Handhabbarkeit von Webanwendungen.

Dadurch schaffen Geoinformationen Transparenz und wirken sich erheblich auf unterschiedliche Planungs- und Dokumentationsaufgaben aus. Die große Bedeutung von Geoinformationen wird auch durch die europäische INSPIRE Richtlinie herausgestellt, deren Umsetzung zu sog. Geodateninfrastrukturen (GDI) führt, die den Zugang zu öffentlichen Geodaten künftig verbessern sollen.

Vor diesem Hintergrund vermittelt der Beitrag einen Überblick über ausgewählte GIS-Anwendungen und –Lösungen der o. g. Kategorien und zeigt anhand ausgewählter Beispiele Nutzen und Trends aber auch deren Grenzen beim Aufbau von Geoinformationsinfrastrukturen auf.



Statistische Daten im Geomarketing

Michael Herter, Geschäftsführer der infas GEOdaten, Bonn


Die Zielgruppe eines Produkts differenziert sich räumlich bzw. regional. Geomarketing analysiert sowohl Produkt (Angebot) wie Zielgruppe (Nachfrage) nach räumlichen Kriterien und erweitert so den gesamten Marketing-Mix aus Preis, Produkt-, Vertrieb und Werbung um eine räumliche Betrachtung. Die Absatzanalyse und daraus resultierenden Marketingaktivitäten erfolgen im Geomarketing auf Basis on Geodaten, statistischen Daten und unternehmensspezifischen Kennziffern, die miteinander verknüpft werden.

Statistische Daten
Regionalisierte Wirtschaftskennziffern sind für Unternehmen von immenser Bedeutung. Je räumlich feiner, desto besser. Sie setzen sich zusammen aus unternehmensinternen Daten sowie weiteren Markt- und Potenzialdaten und stellen die Marktsicht im Geomarketing dar. Die „Mutter aller Kennziffern“ für das B2C-Geschäft ist die Anzahl der Einwohner bzw. Haushalte und für das B2B-Geschäft die Anzahl der Firmen nach Branchen. Von der Wirtschaft werden aus den Mutterkennzahlen beliebig viele abgeleitete Daten abhängig von der jeweiligen Marketing-Fragestellung auf allen räumlichen Ebenen nachgefragt: Für die Makroplanung nach PLZ5-Gebieten oder auf Gemeindeebene und für die Mikroplanung auf intra-kommunaler Ebene, d.h. vor allem pro Quartier, pro Straße bis hinunter auf Hausebene. Die Statistischen Daten sind selbstverständlich für Bund, Länder und Kommunen in Planungsfragen genauso wichtig (z.B. Lärmkartierung BRD).

Problematik
Statistische Daten sind weder einheitlich oder noch durchgehend verfügbar. Ein einheitliches amtliches Raummodell von der Gemeinde bis zum Haus gibt es ebenfalls nicht. Inhomogenität und fehlende Verfügbarkeit liegen auch an einer unterschiedlichen Datenschutzauslegung. So nutzt beispielsweise das Kraftfahrtbundesamt eine eigene künstliche Zellstruktur von 100 Haushalten, die in der Vergangenheit deutlich präziser war (früher von 20 Haushalten). Warum wird man ungenauer und warum schafft man eine künstliche Zelle? Der Datenschutz stellt sich als die Zukunftsbarriere schlechthin heraus, die eine strategische Entwicklung neuer und wichtiger Kennziffern für Unternehmen wie öffentliche Hand fast unmöglich macht.



Risikotransparenz in der Versicherungswirtschaft - Welche Rolle spielen Geodaten heute?

Andreas Siebert, Leiter Geospatial Solutions, Munich Re


Das globale Wirtschaftsgeschehen erhöht den Druck auf viele Branchen und Unternehmen, noch effizienter zu agieren und dabei neue Marktchancen zu erkennen. Business Intelligence (BI) ist ein wichtiges Instrument für strategische Positionierungen auf der Basis einer Vielzahl heterogener Informationen, die noch wirkungsvoller werden, wenn sie um räumliche Komponenten erweitert werden: Geo-Business-Intelligence (GeoBI

Wir sprechen heute - auch in der Versicherungswirtschaft - von Geointelligenz, die inzwischen eine wichtige Rolle im Risikomanagement spielt und zunehmend in der gesamten Wertschöpfungskette der Branche greift. Auch dem Wunsch von Aufsichtsbehörden, Analysten und Kunden nach mehr Transparenz kann mit diesen Methoden nachgekommen werden.

Anfangs konzentrierte sich der Einsatz von Geointelligenz stark auf das Risikomanagement in der Sachversicherung und wurde fast ausschließlich von Rückversicherern und Modellierungsfirmen eingesetzt. In den letzten Jahren sind zunehmend auch Anwendungen bei den Erstversicherern zu finden, wobei hier auch Vertriebs- und Marketingaktivitäten (Geomarketing) eine wichtige Rolle spielen. Regionale Geschäftspotenziale können besser erkannt, Vertriebsstrukturen optimiert und Produkte und Tarifierung exakter an aktuelle Risikosituationen angepasst werden.

Munich Re, die größte Rückversicherung weltweit, ist auf diesem Sektor vor allem im Bereich der Naturgefahren führend und entwickelt bereits seit vielen Jahren Geo-Lösungen für das Risikomanagement.

Andreas Siebert, Leiter Geospatial Solutions wird eine Standortbestimmung in der Versicherungsbranche vornehmen.



Georeferenzierte Kontextdaten aus Sicht der Sozial-, Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften

Prof. Dr. Gert G. Wagner, DIW und Vorsitzender des RatSWD, Berlin


Dieser Vortrag beschäftigt sich ausdrücklich nicht mit der Relevanz georeferenzierter Daten für die Geographie, die Raum- und Umweltwissenschaften. Die Relevanz georeferenzierter Daten für diese Disziplinen liegt auf der Hand. Der Vortrag gibt einen Überblick über die unschätzbare Bedeutung georeferenzierte Kontextdaten für die Sozial-, Verhaltens- und Wirtschaftswissenschaften. Es werden einige exemplarische Fragestellungen und erste Analyseergebnisse vorgestellt. Im Fazit werden Schlussfolgerungen für die Gestaltung der Statistik- und Forschungsinfrastruktur gezogen.