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Nach dem Zensus ist vor dem Zensus

RatSWD Pressemitteilung, 31. Mai 2013

Nach dem Zensus ist vor dem Zensus

Im Mai 2011 lebten in Deutschland 80,2 Millionen Menschen. Das ist das Ergebnis des Zensus 2010/11. Die auf Schätzungen beruhende alte amtliche Zahl lag um 1,5 Millionen Menschen zu hoch. Die neuartige Methode einer Volkszählung, die auf eine Befragung aller Einwohner verzichtet, hat gut funktioniert. Genau deswegen sollte bereits jetzt begonnen werden öffentlich zu diskutieren, wie man mit dem nächsten Zensus schneller und noch kostengünstiger die Bevölkerungszahl ermitteln kann.

Fast ebenso wichtig wie die neu festgestellte Einwohnzahl ist die Tatsache, dass der Zensus zeigt, dass die vorhandenen Stichproben der amtlichen und nicht-amtlichen Statistik für die Bevölkerungsstrukturen sehr gute Ergebnisse liefern. Weder die Altersstruktur noch die Verteilung der Bildungsabschlüsse, die der Zensus zeigt, sind überraschend, sondern aus Stichprobe bereits bekannt. Insofern sind viele Detailergebnisse des Zensus keineswegs spektakulär: Aber genau das ist die gute Nachricht. Die „informationelle Infrastruktur“ in Deutschland ist sehr gut – dessen kann man sich aber nur sicher sein, wenn man auch immer wieder eine statistische Großerhebung wie den Zensus durchführt.

Das neue Zensus-Konzept verzichtet auf eine Befragung aller Einwohner in Deutschland („Volkszählung“) und verwendet stattdessen in erster Linie die Informationen der Einwohnermeldeämter und der Bundesanstalt für Arbeit. Deren Datenbanken werden statistisch ausgewertet und mit Hilfe von Befragungen (Zensus-Stichprobe plus Gebäude- und Wohnungszählung) von nur etwa einem Drittel der Menschen in Deutschland korrigiert und ergänzt. Das neue Konzept hat sich gelohnt: Es wurde Aufregung vermieden, Geld gespart und trotzdem ein präzises Ergebnis erzielt. Wie erwartet und geplant war wissen wir auch nach dem Zensus 2011 nicht hundertprozentig genau, wie viele Menschen in den einzelnen Städten und Gemeinden leben, aber das war bei traditionellen Volkszählungen, die hochgradig fehleranfällig waren, auch keineswegs der Fall.

Die Statistischen Ämter haben gezeigt, dass wir für einen Zensus keine vollständige Befragung des Volks, die heutzutage wahrscheinlich einige Milliarden Euro kosten würde, mehr brauchen. Die Einwohnermelde-Register sind besser als sie es früher waren – der „registergestützte Zensus“ ist heutzutage die vernünftige Methode. Es hat sich aber auch gezeigt, dass es noch Spielraum für weitere Verbesserungen gibt. Man darf auch die Tatsache, dass die mit dem Zensus ermittelte Bevölkerungszahl um 1,5 Millionen Personen niedriger liegt als sie laut Bevölkerungsfortschreibung ausgewiesen wurde, keineswegs ausschließlich auf Fehler in den Einwohnermelderegistern zurückführen. Man muss sich vor Augen führen, dass vor 25 Jahren zuletzt gezählt wurde (in Ostdeutschland vor mehr als 30 Jahren). Und bei der Fortschreibung der Bevölkerungszahl mit Hilfe von Geburten, Todesfällen, sowie besonders bei Zu- und Fortzügen gibt es viele Fehlerquellen.

Bis zur Qualität der Melde-Register auf Basis der Zensus-Ergebnisse genauere Aussagen gemacht werden können, sind noch vertiefte Auswertungen notwendig. Im Moment können wichtige Fragen noch nicht beantwortet werden, wie etwa: „Wie sieht die Verteilung der Karteileichen und Fehlbestände aus? Wie viele Doppelfälle konnten durch die Mehrfachfallprüfung automatisiert erkannt und bereinigt werden?“

Der Zensus war erfolgreich, aber gleichwohl gilt: Nach dem Zensus ist vor dem Zensus. Politiker, Bürgerinitiativen, Verwaltung, Statistiker, Wissenschaftler und Datenschützer sollten jetzt bis zum nächsten Zensus (2020/21) gemeinsam daran arbeiten, ein noch besseres Konzept für den Zensus zu finden.

So können z. B. die Gemeinden anhand der beim Zensus ermittelten „Karteileichen“ und „Fehlbestände“ überlegen, wie sie die Qualität der Einwohner-Melderegister noch weiter steigern könnten. Ziel sollte es sein – wie in der Schweiz, die für übermäßigen Zentralismus nicht bekannt ist, schon jetzt realisiert – in datenschutzrechtlich einwandfreier Weise auf Knopfdruck die „Einwohnerzahlen-Ermittlung“ (so der administrative Begriff) vornehmen zu können, die man als „informationelle Grundausstattung“ in einer modernen Gesellschaft braucht. Eine aufwändige Volkszählung alle 10 Jahre wäre dann überflüssig.

Für die „Einwohnerzahlen-Ermittlung“ ist keineswegs – wie die Schweiz zeigt – ein zentrales Einwohner-Meldeamt für ganz Deutschland notwendig, sondern nur eine zentrale Statistik-Datenbank. Bereits der jetzige Zensus hat gezeigt, dass alle anderen Basis-Merkmale mit Hilfe einer Stichprobe ermittelt werden können. Freilich zeigt die nur etwa 80prozentige Antwortquote auf die freiwillig zu beantwortende Zensus-Frage nach dem religiösen Bekenntnis, dass der Gesetzgeber sich klar entscheiden sollte: Entweder eine Frage wird als so wichtig angesehen, dass sie pflichtgemäß beantwortet werden muss, oder es sollte auf diese Frage im Zensus ganz verzichtet werden.

Wenn für die „Einwohnerzahlen-Ermittlung“ eine zentrale Statistik-Datenbank als politisch nicht gewolltes „Übermaß an Zentralisierung“ angesehen werden sollte, könnte es ein sinnvoller Weg sein in jeweils einem Bundesland das Meldewesen zu zentralisieren. Das Zensus-Ergebnis für Rheinland-Pfalz deutet darauf hin: Dort gibt es ein zentrales Melderegister, das den Datenschutz nicht verletzt. Und in keinem Bundesland weichen das Zensus-Ergebnis und die aus dem Melderegister stammende Bevölkerungszahl so wenig voneinander ab wie in Rheinland-Pfalz.

Wie gesagt: Ein noch besseres Konzept für die „Einwohnerzahlen-Ermittlung“ und Basis-Statistiken darf nicht hoheitsstaatlich verordnet werden, sondern sollte ab sofort von Politik, Bürgerinitiativen, Verwaltung, Statistik, Wissenschaft und Datenschutz offen diskutiert werden.

Prof. Dr. Gert G. Wagner
Vorsitzender der Zensuskommission
Vorsitzender des Rates für Sozial- und Wirtschaftsdaten